„Das Projekt läuft doch nach Plan." – Der gefährlichste Satz im Steering Committee
„Läuft."
Ein kurzes Update im Steering Committee.
Unaufgeregt. Sachlich. Beruhigend.
Ampeln stehen auf Grün.
Meilensteine wurden „formal" erreicht.
Keine Eskalationen.
Also alles gut?
Nicht ganz.
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Der Satz, der Projekte ruhig sterben lässt
Ich habe in den letzten Jahren mehr Projekte gesehen, die „nach Plan liefen", als mir lieb ist.
Einige davon habe ich später übernehmen dürfen.
Andere konnte ich nur noch von aussen beobachten.
Das Muster ist fast immer dasselbe:
Solange ein Projekt sichtbar brennt, passiert etwas.
Budget wird freigegeben.
Entscheidungen werden getroffen.
Verantwortung wird plötzlich sehr klar.
Kritisch wird es vorher.
Dann, wenn noch niemand von einem Problem spricht.
Aber alle anfangen, sich daran zu gewöhnen, dass Dinge nicht mehr ganz sauber laufen.
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Was „läuft nach Plan" in Wirklichkeit oft bedeutet
Der Satz ist selten eine Lüge.
Er ist eine Vereinfachung.
Und zwar ungefähr diese hier:
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1. Reporting funktioniert. Steuerung nicht.
Statusberichte sind vollständig.
Fortschritte sind dokumentiert.
Abweichungen sind… gut formuliert.
Was fehlt, ist die eigentliche Steuerung:
Wer entscheidet bei Zielkonflikten?
Wer priorisiert, wenn Ressourcen nicht reichen?
Wer übernimmt Verantwortung, wenn etwas bewusst anders gemacht werden muss?
Das Projekt wirkt geführt.
Ist es aber nicht.
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2. Verantwortung ist definiert – aber nicht wirksam
Organigramme sehen sauber aus.
Rollen sind beschrieben.
Zuständigkeiten sind geklärt.
Auf dem Papier.
In der Praxis passiert etwas anderes:
Entscheidungen werden vertagt.
Themen werden „abgestimmt".
Verantwortung wird verteilt, bis sie niemand mehr wirklich trägt.
Governance ist vorhanden.
Aber sie greift nicht.
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3. Die ersten Abweichungen werden normal
Am Anfang sind es Kleinigkeiten:
Ein Meilenstein verschiebt sich.
Ein Lieferobjekt ist nicht ganz vollständig.
Ein Risiko wird „beobachtet".
Nichts Dramatisches.
Aber genau hier kippt es:
Diese Abweichungen werden nicht als Signal verstanden,
sondern als neue Realität akzeptiert.
Und ab diesem Moment läuft das Projekt zwar „weiter" –
aber nicht mehr in die richtige Richtung.
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Warum genau dann niemand eingreift
Weil alles noch funktioniert.
Es gibt keine Katastrophe.
Keinen Incident.
Keinen externen Druck.
Und genau deshalb fehlt:
die Dringlichkeit
das Budget
die Bereitschaft, unangenehme Entscheidungen zu treffen
Das Projekt bewegt sich weiter.
Nur eben langsam aus der Spur.
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Wann ich ins Spiel komme
Selten in dem Moment, in dem jemand sagt: „Es läuft nicht."
Sondern dann, wenn erste Zweifel auftauchen:
„Irgendwie dauert alles länger als gedacht."
„Die Abstimmungen nehmen zu."
„Wir drehen uns im Kreis."
Oder wenn ein Head of IT sagt:
„Offiziell läuft alles nach Plan.
Aber irgendetwas passt nicht."
Das ist der Moment, in dem man noch eingreifen kann, ohne alles neu aufzusetzen.
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Fazit
Projekte entgleisen nicht, wenn sie offensichtlich scheitern.
Sie entgleisen, wenn alle glauben, dass sie noch funktionieren.
Der gefährlichste Zustand ist nicht Chaos.
Sondern scheinbare Stabilität.
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Wenn ein Projekt „nach Plan läuft", lohnt sich ein zweiter Blick.
Manchmal reicht das, um festzustellen,
ob es noch nach Plan läuft –
oder schon nach Rauch riecht.